Bräuche und Trauung
Heiraten im Mittelalter: Ehe als Geschäft statt aus Liebe
Im Mittelalter heiratete man selten aus Liebe. Hier lest ihr, welche Eheformen es gab, welche Rolle Frauen hatten und warum Hochzeiten vor allem ein Geschäft waren.
Redaktion Hochzeit Brautinfo4 Min. Lesezeit

Wenn ihr heute heiratet, dann aus Liebe und aus freien Stücken. Im Mittelalter war das ganz anders: Geheiratet wurde vor allem aus finanziellen und gesellschaftlichen Gründen. Alter, Gesinnung und Wille der Brautleute spielten kaum eine Rolle. In mächtigen Adelshäusern war es gang und gäbe, Kinder oder sogar Ungeborene miteinander zu verloben und möglichst früh zu verheiraten.
Arrangierte Ehen von Kindesbeinen an
Ein bekanntes Beispiel: Maria von Ungarn wurde schon als Kleinkind mit dem damals noch ungeborenen Ludwig II. von Ungarn und Böhmen verlobt, geheiratet wurde Jahre später. Solche Verbindungen sicherten Bündnisse, Gebiete und Erbansprüche.
Doch nicht nur im Adel, auch in bürgerlichen und bäuerlichen Familien mussten sich die Kinder bei der Wahl ihrer Ehepartner meist völlig dem Willen der Eltern beugen. Oft lernten sich die Brautleute erst kurz vor oder bei der Hochzeit kennen, was nicht immer gut ausging. Überliefert ist etwa, dass Graf Balduin II. von Hennegau seiner Braut beim ersten Treffen nicht viel abgewinnen konnte und lieber eine andere heiraten wollte.
Die Stellung der Ehefrau
Nach der Trauung standen Frauen meist völlig unter der Gewalt ihrer Ehemänner. Diese durften frei über Frau, Kinder und das gemeinsame Vermögen verfügen. Die Vormachtstellung des Mannes wurde mancherorts sogar symbolisch mit einem Fußtritt nach der Trauung besiegelt.
Starb der Ehemann, kehrte die Witwe häufig unter die Vormundschaft ihres Vaters, Bruders oder eines anderen männlichen Verwandten zurück, der sie erneut verheiraten konnte. Als wichtigste Aufgabe einer Ehefrau galt es, einen gesunden männlichen Erben zur Welt zu bringen. Kinderlosigkeit war einer der häufigsten Gründe, eine Ehe für ungültig erklären zu lassen.
Die Brautmode: das beste Gewand
Ein eigenes Brautkleid im heutigen Sinn gab es lange nicht. Die Braut trug an ihrem Ehrentag einfach ihre besten Stücke, bei wohlhabenden Familien oft in kräftigen Farben wie Rot oder Blau. Das weiße Brautkleid mit Schleier setzte sich in der breiten Bevölkerung erst im Lauf des 19. Jahrhunderts durch, vor allem im letzten Drittel. Wer heute Brautmode aussucht, hat zum Glück die freie Wahl.
Drei Formen der Ehe
In der Geschichtsforschung werden für das frühe Mittelalter drei Formen der Ehe unterschieden:
- Muntehe
- Friedelehe
- Kebsehe
Die Muntehe
Bei der Muntehe ging die Vormundschaft, die sogenannte Munt, über die Frau vom Vater auf den Ehemann über. Sie war im Kern ein Rechtsgeschäft zwischen zwei Familien: Vertragsgegenstand war die Verheiratung der Frau, für die ein Brautpreis vereinbart wurde.
Die Friedelehe
Der Begriff Friedelehe geht auf den Rechtshistoriker Herbert Meyer zurück, ihre Existenz ist in der Forschung allerdings stark umstritten. Anders als bei der Muntehe soll der Mann hier nicht Vormund seiner Frau gewesen sein, und die Verbindung soll auf dem freien Willen beider beruht haben. Auch die Frau hätte demnach das Recht gehabt, die Ehe zu lösen. Kinder aus einer solchen Verbindung unterstanden der Mutter. Die Friedelehe wurde vor allem mit Paaren aus unterschiedlichen Ständen in Verbindung gebracht.
Die Kebsehe
Weit weniger romantisch war die Kebsehe. Der Begriff leitet sich vom mittelalterlichen Wort „Kebse“ ab, was so viel wie Nebenfrau bedeutet. Diese Verbindung bestand zwischen einem freien Mann, etwa einem Grundherrn, und einer unfreien Frau. Da der Mann über seine Leibeigenen verfügen konnte, war die Frau ihm weitgehend ausgeliefert, und mehrere Kebsehen konnten nebeneinander bestehen. Kinder aus diesen Verbindungen waren in der Regel nicht erbberechtigt.
Kein Platz für Romantik
Romantische Liebe galt als Heiratsgrund als ungeeignet, denn man ging davon aus, dass sie schnell verfliegt. Eheliche Zuneigung dagegen sollte stark und beständig sein und sich mit der Zeit entwickeln.
Auch rund um die Hochzeitsnacht galten strenge Regeln. Bei Adelshochzeiten wurde der Vollzug der Ehe mitunter vor Zeugen bestätigt, denn erst damit galt die Verbindung als vollständig geschlossen. Die Kirche betrachtete körperliche Liebe skeptisch, selbst wenn sie der Zeugung diente. Gleichzeitig wurde von der Ehefrau erwartet, ihrem Mann jederzeit zur Verfügung zu stehen.
Treue wurde vor allem von Frauen verlangt. Bei Männern nahm man es oft weniger genau: Über Kaiser Friedrich II. wird etwa berichtet, er habe die Hochzeitsnacht nicht mit seiner Frau Isabella (Jolanthe) von Jerusalem verbracht, sondern mit einer Frau aus ihrem Gefolge. Während Ehebruch für Männer kaum Folgen hatte, drohten Frauen und ihren Liebhabern drastische Strafen.
Fazit: ein Geschäft, kein Liebesfest
Eine Hochzeit war im Mittelalter vor allem ein Vertrag zwischen Familien, kein Fest der Liebe zweier Menschen. Umso schöner, dass ihr heute selbst entscheidet, wen, wann und wie ihr heiratet. In Österreich steht die Ehe seit 2019 allen Paaren offen, und seit 1. August 2025 gilt ein Mindestalter von 18 Jahren für alle.
Häufige Fragen
Hat man im Mittelalter aus Liebe geheiratet?
In der Regel nicht. Ehen wurden meist von den Familien aus finanziellen, politischen oder gesellschaftlichen Gründen arrangiert, Liebe galt nicht als tragfähiger Heiratsgrund.
Was ist der Unterschied zwischen Muntehe, Friedelehe und Kebsehe?
Bei der Muntehe ging die Vormundschaft über die Frau vom Vater auf den Ehemann über. Die Friedelehe soll auf freiem Willen beider beruht haben, ist in der Forschung aber umstritten. Die Kebsehe war eine Verbindung zwischen einem freien Mann und einer unfreien Frau.
Seit wann tragen Bräute weiße Brautkleider?
Das weiße Brautkleid setzte sich in der breiten Bevölkerung erst im 19. Jahrhundert durch. Davor trug die Braut einfach ihr bestes Gewand, oft auch in Farbe.


